Heute wäre mein einjähriges Reisejubiläum. Vor einem Jahr habe ich literweise Tränen vergossen und obwohl ich gerade im Begriff dazu war, mir einen lebenslangen Traum zu verwirklichen, hat der finale Abschied doch die Stimmung etwas getrübt. Bereits Wochen zuvor habe ich mich von den ersten Freunden verabschiedet, viel Hab und Gut verkauft oder verschenkt und meinen Rucksack gepackt. Mein Leben hat letztes Jahr um diese Zeit in einen einzigen Schrank und in meinen grossen 71 Liter Rucksack gepasst.

Als ich mein Tourismus-Studium begonnen habe musste ich einiges einstecken. Drei Jahre ohne eine längere Auszeit standen mir bevor. Damit ich mir trotzdem einige Reiseabenteuer leisten konnte, bin ich wieder in mein Elternhaus gezogen. Während 4 Tagen habe ich gearbeitet und 1.5 Tage war ich in der Schule, die restliche Zeit der Woche war ich irgendwo im Zug unterwegs zwischen Arbeit, Studium und Zuhause. Zum Schluss habe ich dann sogar 5 Tage gearbeitet um genügend für meine Weltreise zu sparen. Als passionierte Reiseberaterin war ich natürlich an der Quelle der Informationen und habe mir bereits zwei Jahre zuvor schon viele Gedanken über die Art und Organisation meiner gemacht. Im Dezember 2018 habe ich mir klangheimlich ein Oneway-Ticket nach Ho Chi Minh City gebucht – nein nicht ins Emmental, sondern nach Vietnam. Ich hatte eine Heidenfreude, konnte die aber mit niemandem teilen. Denn auf der Arbeit wusste noch niemand von meinem konkreten Vorhaben und meine Familie wäre mit dieser Information so kurz vor Weihnachten wohl ein wenig vor den Kopf gestossen gewesen. Aber zurück in den November 2019, als die Welt noch in Ordnung war.

Überfordert in Ho Chi Minh City

Am Freitag, den 29. November 2019 hatte ich meinen letzten Arbeitstag und ehe ich mich versah, sass ich auch schon in einem kleinen Hostel, mitten in der lauten Grossstadt Ho Chi Minh City. Zu meinem Pech war das Hostel fast leer und so sass ich wie ein geohrfeigtes Huhn alleine auf der Dachterrasse der Unterkunft und war etwas überfordert mit meinem neuen Leben. Monatelang, ja gar Jahrelang habe ich davon geträumt, mich vorbereitet und gefreut. Und trotzdem bin ich jetzt ein bisschen überfordert. Für den nächsten Tag – meinen ersten Tag in absoluter Freiheit – habe ich mir einen Ausflug ins Mekongdelta gebucht. Mit einer tollen und lustigen Gruppe sind wir durch die geschäftigen Strassen der ehemaligen Stadt Saigon gefahren bis wir die Grossstadt hinter uns und die Weiten der Reisfelder vor uns hatten. Unterwegs bin ich mit diversen anderen Reisenden ins Gespräch gekommen. Viele waren Amerikaner oder Kanadier, alle waren natürlich „nur“ im Urlaub und somit absolut fasziniert dass ich so ein Abenteuer wage und überhaupt erst am Anfang einer grossen Reise stehe. Ich kann es selber noch kaum glauben. Wir satteln die Fahrräder und pedalen los Richtung Reisfelder. Unterwegs sehen wir Wassermelonen-, Ananas- und Drachenfruchtfelder. Überall wird natürlich fleissig degustiert. Irgendwann endet das Schottersträssli am Wasser. Wir sind an einem der unzähligen Flussarme des Mekong angekommen. Mit einem alten Groseli und einem Bootli tuckern wir nun gemütlich dem verschlafenen Fluss entlang. Was für ein schöner Start in mein neues Leben. Allerdings gibt es noch ein zwei Velopannen auf dem Weg zurück zum Bus: Amerikaner können gemäss meiner heute erstellten Studie nicht wirklich Velofahren. Von den 5 Leuten ist jede mindestens einmal einfach so umgefallen. Eine davon sogar im Stillstand.

Phu Quoc – Strandleben in Vietnam

Von der geschäftigen Grossstadt bin ich weiter nach Phu Quoc gereist. Dies ist nebst Nha Trang und Mui Ne einer der wenigen Badeorte in Vietnam. Ich hause in einem sehr härzigen und neuwertigen Hostel, das über Schlafsääle sowie auch Einzelzimmer, einem kleinen Pool und einer Hostelbar verfügt. Wie aber auch schon in Ho Chi Minh ist auch dieses Hostel recht leer. Aber als eingefleischte Alleinreisende kann ich mich auch prima selber vertöörlen. Der Hauptort Duong Dong ist nur eine Nebenstrasse und der Strand gute 10 Minuten zu Fuss entfernt. Meine Tage sehen alle relativ gleich aus. Nach ausgiebigem Ausschlafen hole ich mir beim Früchtefraueli supergünstige Passionsfrüchte, lasse mir eine Ananas oder eine Wassermelone schinten und strahle mit der Verkäuferin um die Wette und zwar weil ich soeben die schönste, perfekteste und leckerste Ananas überhaupt für nicht einmal 2 USD gekauft habe und sie, weil sie soeben einen weiteren Touristen schamlos über den Tisch gezogen hat. Win win würde ich sagen.

Ich bin hier regelrecht gestrandet. Die gemütlichen Vibes überall lassen einen die Zeit völlig vergessen. Ich habe mittlerweile auch beschlossen, meinen absolut stressigen Plan über Board zu werfen. Eigentlich wollte ich in knapp 2 Wochen durch Vietnam hetzen und noch weiter nach Laos reisen. Nun habe ich mich entschieden, noch ein wenig hier zu bleiben um dann gemütlich nach Hanoi zu fliegen, um dort die Stadt und die Halongbucht erkunden und dann erst weiter nach Singapur zu reisen, denn zu Weihnachten will ich schliesslich in Neuseeland sein. Die letzten Monate und Jahre waren voll mit Terminen, Prüfungen, Arbeiten schreiben und wenig Freizeit. Ich geniesse die neu gewonnene Freiheit in vollen Zügen aber muss mich auch zuerst daran gewöhnen. Und Fahrplänen nachjagen konnte ich in der Schweiz zur Genüge. Nun mache ich einfach worauf ich Lust habe.

Flug nach Hanoi

Der Weiterflug nach Hanoi passt sich prima den asiatischen Gegebenheiten an. Stundenlanges warten, niemand ist informiert und alle finden das völlig in Ordnung. Ich ertappe mich gerade dabei, wie ich mich über den „verschwendeten“ Strandtag nerve als mir bewusst wird, dass ich ja noch hunderte von Strandtagen vor mir habe. Nachdem ich ein interessantes Gespräch mit einer Russin aus Wladiwostok hatte, lerne ich ein Päärli aus London kennen. Die sind etwas angespannt, haben sie sich doch den Rückflug ab Hanoi nach London am selben Tag gebucht. Da ich noch immer etwas im Schweizer Trott und in meiner Rolle als Ferienretterin bin, habe ich mich kurzerhand bereit dazu erklärt, mit ihnen eine Umbuchung auf den nächst möglichen Flug vorzunehmen. Wir sind also durch den Zoll zurück zum Check in gewatschelt – klappt wohl auch nur in Vietnam – und zum Schalter von Vietjet. Liebevoll wurden wir abgewiesen, der nächste Flug sei schon voll, wir sollen warten bis unser Flugzeug kommt (wir sind mittlerweile seit gut 6 Stunden am Flughafen und warten). Alle Vietnamesen haben nach einer kurzen und hitzigen Diskussion mit dem Groundpersonal einen Boardingpass für diesen angeblich vollen Flug erhalten. Also bin ich nochmals zum Schalter gegangen und habe ein bitzeli mein Fachjargon ausgepackt. Das Bürschteli hat dann grosse Augen bekommen und plötzlich rückte er drei Boardingpässe in der vordersten Reihe raus.

Hanoi

Im Süden haben mich die Einheimischen bereits vor der Kälte in Hanoi gewarnt. Da mich aber auch in Australien die Locals vor der klirrenden Kälte in Perth gewarnt haben, und dort dann anstatt 35°C nur noch 23°C herrschten, habe ich mir da mal nicht so denk Kopf zerbrochen. Auf der Reise vom Flughafen zum Guesthouse in Hanoi habe ich dann aber ausschliesslich Leute in Daunenjacken und Kappen gesehen. Eine erste Erkundungstour durch das Oldquarter hat mir dann den Anblick bestätigt. Okay die Daunenjacke ist vielleicht doch etwas übertrieben, aber in Asien hatte ich noch nie eine lange Hose und einen warmen Pullover an (draussen, wohlverstanden. Auf Fähren und in Bussen habe ich doch schon ab und zu mehr Kleider getragen). Übrigens habe ich auf dem Highway noch interessante Entdeckungen gemacht; nebst Ziegen und Schweinen und den üblichen drei Kindern auf dem Roller habe ich auch ab und zu ein Auto mit offener Fahrertür auf dem Pannenstreifen gesehen. Nach dem dritten Auto habe ich dann gecheckt, dass die Leute da einfach in den Strassengraben brunzen wenn die mal müssen. Es heisst ja dass der Pannenstreife nur für Notfälle sei! Lustiges Völkchen da oben. Fast alle Unterkünfte befinden sich im Altstadtquartier und sind einfach nur härzig, aber auch gemein verwinkelt und überfüllt mit Strassenständen und kleinen Boutiquen. Mein Orientierungssinn kommt doch das ein oder andere Mal wieder an seine Grenzen.

Was wäre eine Reise nach Vietnam ohne Halongbucht? Genau deshalb habe ich mich wahnsinnig auf dieses Abenteuer gefreut. Dank dem neuen Highway dauert die Reise auch keine vier Stunden mehr sondern nur noch knapp zwei, je nach Verkehrslage. In Hanoi haben wir diverse Reisende aufgegabelt unter anderem auch eine Indische Reisegruppe mit 5 Männern. Alle sind Köche und besitzen in zentral Indien eigene Restaurants. Natürlich trauen sie dem vietnamesischen Essen nicht so ganz und haben so zur Sicherheit einen ganzen Rucksack voller Snacks aus Indien dabei – praktisch alles selbst gemacht. Einer der Inder hat sich dann neben mich gesetzt und seine Snacks mit mir geteilt. In Ha Long angekommen bin ich dann etwas überfordert gewesen. Natürlich waren wir nicht die einzigen die heute eine Bootstour durch die Halongbucht geplant hatten. Da standen an die 500 Roller und 200 Reisebusse. Auf dem Boot sind dann auch andere Reisende zugestiegen, die in Ha Long übernachtet haben. Von ihnen habe ich erfahren, dass die Stadt aus dem Boden gestampft wurde und absolut kein Flair, keine Märkte und auch fast keine Restaurants hat. Der Cruise war dann schlichtweg toll. Dank der vielen Kalksteinen haben wir auch fast keine anderen Boote gesehen, genau mein Geschmack. Das Essen war auch super und die Temperatur angenehm warm. Das Erlebnis war einfach einmalig schön und ich wäre gerne noch länger geblieben, doch die Halongcruises die inklusive Übernachtung angeboten werden, sind relativ teuer und daher habe ich mich mit einem Tagestripp entschieden.

Ninh Binh

Ninh Binh liegt südlich von Hanoi und ist ein Ausflug allemal wert. Auch hier säumen Kalksteinformationen das Landschaftsbild. Die Gegend um Tam Coc ist nur mit dem Ruderboot erreichbar. Ich geniesse diese eindrückliche und exotische Landschaft so sehr. Später mache ich noch eine kleine Fahrradtour um die Flussschlaufen. Einfach nur schön. Doch beriets beim Velo auslesen merke ich bald, die Grösse ist hier nicht entscheidend, sondern die Bremsen. Von den dreissig Drahteseln – die meisten stammen wohl noch aus dem Vietnamkrieg und haben auch ordentlich was abbekommen – hat nur eines eine intakte Bremse – jedoch keine Pedale. Ich habe also dann einfach das schönste Velo genommen und zwei Südafrikaner und ein Mexikaner haben sich mir angeschlossen. Schon beim Aufsteigen habe ich gesehen, dass die Südafrikanerin ungefähr gleich schlecht Velofahren kann wie die eine Amerikanerin im Mekondelta. So dauert es nicht lange, bis ich sie unter dem Velo befreien muss.

Fazit

Ich habe am Schluss meine zwei Wochen in Vietnam absolut genossen und möchte gerne noch mehr von diesem faszinierten Land mit der traurigen Vergangenheit sehen. Die Menschen hier sind im Gegensatz zu ihren Nachbarn sehr freundlich und nicht so aufdringlich. Auch das Essen ist sehr lecker und mega gesund. Ich bin aber auch froh, dass ich mir genügend Zeit genommen habe und nun zwar weniger als geplant gesehen habe, das erlebte jedoch in vollen Zügen geniessen konnte.

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