Wir alle haben in unserem Leben schon einmal etwas verrücktes gemacht. Einige fahren mit einer alten Ambulanz durch den nahen Osten bis in die Mongolei, andere gehen mitten in der Nacht in Sri Lanka mit Locals fischen und dann gibt es noch die, die aus purer Naivität ihren Nachnamen in einem Telefonbuch suchen und diese Familie dann am anderen Ende der Welt besuchen.

Wer mich persönlich kennt weiss, dass ich grundsätzlich eher zur Sorte der Hasenfüsse gehöre. Ich würde nie bei einer unbekannten Person ins Auto steigen, nachts durch dunkle Gassen oder gar Wälder streunen, Bungeejumping machen oder Kakerlaken essen. Nein ich bin da eher der einfache Schweizer Bünzli, der auf Nummer sicher geht. Aber keine Regel ohne Ausnahme. In meinem ersten Blogbeitrag habe ich von meiner ersten Solo-Reise nach Neuseeland erzählt. Wir schreiben also das Jahr 2013, irgendwann im Sommer. Ich bin gerade bei der Arbeit und muss eine Adresse für meinen Vorgesetzten suchen. Zufälligerweise sehe ich im Online-Telefonbuch einen Link „Telefonbücher aus 76 Ländern“. Meine Neugierde wurde geweckt und ich klickte auf den Link. Die Flüge nach Neuseeland sind bereits gebucht und so wähle ich intuitiv das neuseeländische Telefonbuch. Ich tippe meinen Nachnamen und Christchurch – meine erste Station in Neuseeland – ein. Es kommt ein einziger Eintrag zum Vorschein. Ohne gross darüber nachzudenken nehme ich einen Stift und Papier und beginne in meinem schönsten Englisch ein paar Zeilen niederzuschreiben. Das Endergebnis klang dann irgendwie so „Hallo ich bin Corina und komme aus der Schweiz im Telefonbuch habe ich herausgefunden dass wir denselben Nachnamen haben, vielleicht sind wir ja verwandt? Ich reise im Januar nach Neuseeland vielleicht können wir uns ja mal treffen?“ Natürlich habe ich noch ein paar Edelweiss und das Matterhorn dazugemalt, meine Mailadresse ergänzt und den Brief verschickt.

Post aus Neuseeland

Ich habe niemandem davon erzählt und mein genialer Geistesblitz ist auch schon wieder etwas in Vergessenheit geraten, als ich einige Wochen später im Spamordner eine E-Mail sah. Ich öffnete sie und fand ein liebes E-Mail aus dem fernen Neuseeland. Die Frau stellte darin ihre Familie vor und erklärte, dass ihr Mann ein gebürtiger Amerikaner ist und sie daher diesen Nachnamen tragen. Sie sendete mir auch Fotos von ihren Kindern und ihrem Hund. Ich habe beim Schreiben dieses Blogbeitrages gerade wieder dieses fette Grinsen im Gesicht. Natürlich war ich sehr hibbelig und habe allen davon erzählt. Wie zu erahnen ist, waren mein Umfeld nicht so begeistert von der Idee wie ich. Die liebe Frau schreib auch gleich ins Mail, dass ich meine Flugnummer und die Ankunftsdetails bekannt geben soll, sie hole mich am Flughafen ab. Natürlich hat das am Mami nicht erfreut oder beruhigt über dieses Vorhaben.

Ankunft in Neuseeland

Nach 36 Stunden Reisezeit und dem Jetlag meines Lebens bin ich am 2. Januar 2014 im bedeckten Christchurch gelandet. Bereits der Weg vom Flugzeug in den Flughafen hat mich fasziniert und ich bin wie im Trance durch den Zoll und dann zum Gepäckband spaziert. Die beiden Deutschen, die neben mir im Flugzeug sassen, haben mich gefragt wo ich übernachte und ich antwortete „bei Verwandten“ als wäre es das selbstverständlichste der Welt. Der Ankunftsbereich am Flughafen in Christchurch ist zum Glück sehr überschaubar und es standen nicht viele Leute da. Unter den Anwesenden stach eine Frau und ihr kleiner Sohn für mich völlig aus der Masse heraus. Ich habe ihr zur Sicherheit in Singapur noch ein Selfie von mir geschickt damit sie wusste was ich für Kleider trug. Ich sprang ihr in die Arme, wir haben Nettigkeiten ausgetauscht und ehe ich mich versah, legte ich auch schon mein Rucksack in ihr Auto. Das Auto einer fremden Person. In einem fremden Land. Einem Land, welches nicht weiter weg von zu Hause sein könnte. Wo sind den nur meine Prinzipien geblieben? Wir sind dann durch das vom Erdbeben zerstörte Christchurch gefahren zum Hafen – dort haben wir ihren zweiten Sohn von einer durchzechten Silvesternacht aufgegabelt und sind zum Sumner Beach gefahren. Dort gabs einen Spaziergang am Strand und Eis. Später konnteich endlich eine Dusche nehmen und wir sind noch zu Verwandten gefahren um das neue Jahr mit einem BBQ zu feiern. Abends um 20.00h erhielt ich dann die Erlaubnis ins Bett zu gehen und ich fiel innert Sekunden in den Tiefschlaf. Am nächsten Morgen reiste ich jedoch bereits weiter durch die Südinsel. Beim Gespräch mit meinen neuen Reisegspändli erwähnte ich beiläufig, dass ich in Christchurch Verwandte gefunden habe – im Telefonbuch. Erst durch deren Reaktion (die waren schon alleine in Indien und Südamerika unterwegs und teilweise echte Abenteurer) wurde mir bewusst wie abgedroschen mein Vorhaben doch war.

Familienmitglied

Nachdem ich zurück nach Christchurch gereist bin hatte ich eine wundervolle Zeit. Ich lernte viel über den Lebensstil und die Kultur der Neuseeländer und dank dem amerikanischen Einschlag der Familie auch über deren Gebräuche und Sitten. Wir gingen campen – wobei Glamping es eher treffen würde, aber dieses Ereignis ist ein separater Blogeintrag wert – machten Whalewatching, besuchten Konzerte, den Strand, wanderten in den Port Hills umher, kochten ein Fondue und vieles mehr. Ich wurde wie ein Familienmitglied behandelt obwohl ich vom anderen Ende der Welt kam und wir uns erst seit knapp einigen Wochen kannten. Dank eingehender Ahnenforschung haben wir dann auch herausgefunden, dass wir auf sieben Generationen zurück sogar richtig verwandt sind. In den letzten sieben Jahren war ich bereits fünfmal in Neuseeland, habe Silvester, Neujahr, Weihnachten, Superbowl, Waitangiday, Schulabschluss, Schuleröffnung und vieles mehr dort gefeiert, ich habe viele Kollegen der Familie kennen gelernt, habe im Dezember Aprikosen gepflückt, habe Weihnachten im Sommerkleid gefeiert, sprudelte in Hotpools bei Regen und holte mir einen Sonnenbrand dabei, lernte Wein trinken, sah Rugbyspieler beim Training zu und vieles mehr.

Darell & Allen

Im 2015 bin ich mit D. eine Woche lang mit einem Mietwagen durch die Nordinsel gecruist. Unterwegs haben wir einige Bekannte und Verwandte von ihr besucht. Dadurch habe ich die neuseeländische Kultur richtig authentisch kennen gelernt. Hier in Mokau sind wir zwei Nächte bei einem älteren Ehepaar geblieben. Sie leben mitten in der Pampa auf einem kleinen Bauernhof mit Gänsen, Schafen, Kühen, Hühnern und allem was sonst noch so dazugehört. Wir sind gerade links auf ihr Grundstück abgebogen, als wir den Kopf einer toten Ente an einem Zaunpfahl sahen. Etwas mulmig sind wir zum Bauernhof gefahren wo wir auch schon mit offenen Armen empfangen wurden. J. & N. sind um die 70 Jahre alt und Kiwis durch und durch. Als wir sie auf den Entenkopf am Gatter unten angesprochen haben meinte N. nur, dass dies hier ab und zu mal vorkomme. Zum Znacht gabs dann leckeres Schaf mit Innereien. Mein Würgereiz hat ein echt neues Niveau erreicht. Ach ja, das da oben ist Allen the Lamb. Er wurde von seiner Mutter verstossen und mit dem Fläschli aufgezogen. Was für ein härziger Widder.

Die beiden verdienen sich etwas zur Rente hinzu und zwar mit Whitebait fischen. Das Verb beschreibt es schon – es handelt sich dabei um Fische. Da diese Viecher in Neuseeland als Delikatesse gelten, konnte ich natürlich auch nicht nein sagen, als mich J. zum mitfischen einlud. Das mit den Whitebaits ist eben so: wenn die Flut kommt, spült das Wasser überdimensionalen Spermien Flussaufwärts. Dann werden in den kleinen Fischerhütten entlang des Flusses die Netze ausgelegt und abgewartet. Natürlich fand dieses Vorhaben morgens um 06.00h an. Als Frühaufsteher natürlich kein Problem für mich, wäre es um diese Uhrzeit doch nur ein bisschen wärmer als 8°C. Wir laufen also mit Netz und Eimern zum Fischerhäuschen hinunter und spannen das Netz im Wasser auf. Nach 5 Minuten verlässt mich die Geduld. Doch da schwimmt auch schon ein kleiner riesen Sperm ins Netz. Doch J. erkennt geschulten Blickes sofort, dass dies kein guter Whitebait ist. Also fischt sie ihn raus und schmeisst ihn in einen Eimer. Als Tierfreund will ich ihn natürlich befreien. Ich taufe ihn auf den Namen Darell und werfe ihn zurück ins Wasser. Dabei ist mir kurzerhand entgangen, dass infolge der Flut das Wasser ja Flussaufwärts fliesst. Keine zwei Minuten später hängt das unfähige Tierli wieder im Netz. Nach unendlich langen zwei Stunden sind wir endlich fertig und haben nicht einen einzigen brauchbaren Whitebait gefangen – worüber ich ja nicht wirklich traurig war. Zurück auf dem Hof hatte ich so langsam aber sicher ziemlich Hunger. J. meinte, dass ich heute ja ein ganz besonders glücklicher Mensch sei, denn zufälligerweise hat sie noch eine Portion Whitebaits im Gefrierfach. Hallelujah! Zusammen mit ein wenig Eier und Milch zaubert sie ein Whitebaitpancake und serviert dies allen auf Toast. Ihr müsst euch das 70-jährige Groseli, liebenswert wie keine zweite, vorstellen. Sie war so stolz auf sich und es war für Sie ein riesiges Highlight, mir diese Mahlzeit zu servieren. Da ich neulich schon das halbe Schaf heruntergeschlungen habe, würde ich doch das sicher auch schaffen. Spermien in Übergrösse zum Frühstück, auf den leeren Magen. Und dann gibt es tatsächlich Menschen die denken, dass Reisen erholsam sind. Bei jedem Bissen hörte ein steiniges Geräusch – die Augen der Tiere, wie mich J. euphorisch aufklärt. Noch heute kommt mir leicht das Chötzi obsi wenn ich daran denke. Doch meine Anständigkeit hat da ein völlig neues Niveau erreicht. Denkt einfach an diese Geschichte bevor ihr euren Nachnamen Googelt ;-).

Der Blogbeitrag enthält absichtlich keine Fotos der Familie, da diese nicht öffentlich genannt und keine Fotos von sich im Internet wünschen.

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