Karibik, Dschungel & Schokolade

Die Nordküste Kolumbiens ist vielfältig. Einmal hat es gar keine Mücken und einige Kilometer weiter wirst du zerstochen als gäbe es kein Morgen. Aber natürlich geniesst nicht nur die Mückenpopulation ein vielfältiges Vorkommen, sondern auch die Landschaft.

San Andres

Mitten in der Karibik, ungefähr auf der Höhe von Nicaragua liegt die kleine Insel San Andres. Sie ist mit dem Flugzeug ab diversen Städten aus Kolumbien erreichbar. Die Anreise hierhin ist eine bürokratische Meisterleistung. Am Flughafen vor dem Abflug muss eine Eintrittsgebühr entrichtet werden, eine Quittung dafür gibt es aber nicht. Auch ein Formular muss ausgefüllt werden und wird am Flughafen in San Andres dann kontrolliert und eingesammelt. Die Insel hat lediglich eine Fläche von 26 Quadratkilometer. Die meisten Hotels und das touristische Zentrum sind im Norden am Spratt Bight zu finden. Hier kann auch ordentlich Party gemacht werden; bis morgens um 4 Uhr sind in den Strassen laute Partylöwen unterwegs. Der Vorteil ist, dass die Strände bis am Mittag fast leer sind. Der Sandstrand ist weiss, das Meer türkisblau und der Himmel blau. Genauso stelle ich mir das karibische Paradies vor. Autos gibt es hier kaum, dafür ganz viele Golfkarts. Genau mit einem solchen erkunden wir die Insel. Der kleine rote möchtegern Ferrari fährt knapp 15kmh. Wir werden von allem und jedem überholt. Aber „Decpacio“ ist ja das Inselmotto hier. Wir fahren vorbei an Palmenwäldern, kleinen Ortschaften und immer das Meer im Blick. An verschiedenen Stränden halten wir für eine Abkühlung. Besonders bekannt ist die kleine Insel Rocky Cay im Osten der Insel. Die Insel soll nur durch hüfttiefes Wasser erreichbar sein. Entweder war gerade Flut oder das Wasser wurde an LeBron bemessen, gemütlich rüber spazieren war hier nichts. Ach ja und unser tolles kleines Ferrarilein hatte weder eine Handbremse noch sonst funktionstüchtige Bremsen. Immer wenn wir wieder weiterfahren wollten stand das Mobil einfach woanders. Die Leute haben unser Gefährt einfach nach belieben umgeparkt wenn es gerade im Weg war. Bei der roten Ampel sind wir im Schneckentempo durchgefahren weil die Bremsen nicht mehr funktionierten und dann sind wir noch ohne Licht nach Sonnenuntergang in eine Einbahn gefahren bevor wir beim Wenden in der Tankstelle noch fast überfahren worden wären. Ein Abenteuer! Nochmals ein grosses MERCI an meine Chauffeuse des Vertrauens.

Providencia

Eigentlich unser nächstes Ziel. Eigentlich. Im Internet finden wir keine Infos, keine Flüge und auch keine Unterkünfte. Wir erfahren von Einheimischen, dass ein grosser Hurricane im November 2020 die Insel schwer in Mitleidenschaft gezogen hat. Nach dem Sturm war vielerorts der Sand einfach weg und die bekannten Sandstrände wurden zu ungemütlichen rauen Vulkansteinstränden. Die Nachbarinsel Providencia wurde sogar ganz verwüstet. Alle Einwohner von dort leben nun auf San Andres und bauen ihr zu Hause wieder auf. Wie es für die Einheimischen hier wohl ist, nie zu wissen wann der nächste Hurricane ihr Zuhause zerstört?! – „So ist das Leben, dann bauen wir es einfach wieder auf“ lautet die Antwort. Solche Gespräche öffnen mir immer wieder die Augen und zeigen mir, wie privilegiert ich doch aufgewachsen bin, ohne etwas dafür getan zu haben.

Palomino

Das kleine Hippie-Städtchen befindet sich an der Karibikküste von Kolumbien, gemäss Google Maps rund 3 Stunden von Cartagena entfernt. Der Bus braucht für die Strecke jedoch geschlagene 6 Stunden um das kleine verschlafene Dörfchen mitten in den Ausläufern der Sierra Nevada zwischen Dschungel und Meer zu erreichen. Durch die Klimaerwärmung steigt der Meeresspiegel stetig an und die Brandung frisst sich durch den Strand und die Palmen fallen nach und nach ins Meer. Der Ort ist Heimat für viele Hippies die hier hängen geblieben sind, ein kleines Pendant zu Byron Bay in Australien. Stromausfall liegt an der Tagesordnung und an jeder Ecke riecht es nach Gras. Der Ort lädt vor allem zum relaxen, flanieren oder Tuben auf dem Rio Palomino ein. Die Suche nach einer Wäscherei ist hier mal wieder abenteuerlich. Irgenwo im Nirgendwo im Kiosk wird uns der Weg erklärt: in einer Seitenstrasse neben dem Schweinestall haben wir dann die Waschmaschinen (Modell Vorkriegszeit) gesehen und für nicht einmal 2 Franken die ganze Wäsche gewaschen. Notiz am Rande, unsere Wäsche hat fast so gut gerochen wie zu Hause gewaschen.

Minca

Wir sind zu Dritt unterwegs und daher leisten wir uns für wenig Geld ein Taxi von Palomino nach Minca. Ich sitze zum Glück vorne, sonst hätte ich wohl mein Frühstück dem Fahrer in den Nacken gekotzt. Die Kurven nach Minca hören nicht auf und hier muss noch erwähnt werden, dass Kolumbianer keine Passstrassen kennen und somit bergauf mit Kurven nur mit Vollgas & Vollbremsung kennen. Minca liegt im Regenwald, umgeben von Kolibris und Bambus liegt der verschlafene Ort rund 600m über Meer. Die Tage sind heiss und die Mücken gefühlt zu jeder Tages- und Nachtzeit aktiv. Minca ist bekannt für seine Kakaoplantagen. Was wäre ich denn für einen Schweizer, wenn ich den Besuch einer Kakaofarm ausgelassen hätte?! Bei gefühlten 40 Grad im Schatten und 200% Luftfeuchtigkeit spazieren wir bergauf. Steil, an der prallen Sonne, über Stock und Stein. Nach 2 Stunden erreichen wir endlich die Farm und erhalten einen kalten Tee und eine Banane mit wunderbarer Aussicht auf den Dschungel, das Meer und Santa Marta im Hintergrund. Wir bekommen spontan eine Führung durch die Anlage und lernen viel über die Schokoladenfrucht. Wir dürfen sogar selber Kakao malen und dann eine heisse Schoggi daraus machen. Das ist übrigens ein echter Knochenjob. Im Anschluss kaufen wir den ganzen Schoggi-Shop leer. Was für Klischee-Schweizer wir doch sind. Übrigens frisst jeder Schweizer im Durchschnitt 12kg Schokolade pro Jahr – ich glaube ich ziehe den Durchschnitt nach oben denn bei mir sind es sicher doppelt so viele Kilos.

Wasserfall Marinka

Es gibt verschiedene Unterkünfte in Minca; entweder du wählst eine Bleibe direkt in Minca oder irgendwo in den unzähligen Hügeln im Dschungel. Hier wirst du von einem Moped-Taxi aufgeladen und durch die steilen Strassen hochgefahren. Physikalisch ist das mit einem zu grossen und schweren Rucksack gar nicht möglich. Wir entscheiden uns für ein zentrales Hotel in Minca und geniessen die lokalen Kaffees und Restaurants. Überall gibt es Wasserfälle. Wir spazieren zum rund 5km entfernten Cascada Marinka. Die Strasse ist staubig und nebst Motorrädern überholen uns auch einige Lastwagen. Oben angekommen sind wir verschwitzt und staubig und nehmen eine Dusche im kühlen Nass. Einfach herrlich.

Taganga

Ich bin schon lange keine Partymaus mehr. Alkohol trinke ich höchst selten. Der Kater am Morgen danach ist es mir einfach nicht wert (von den unnötigen Kalorien fange ich erst gar nicht an). Daher wird Santa Marta, der berühmte Partyort, gekonnt ausgelassen und ehe ich mich versehe, krieche ich auf allen Vieren mit meinem Gepäck die steilste Strasse bei brütender Mittagshitze hoch. Es geht zum Casa Horizonte in Taganga. Der überschaubare Ort berauscht die Einwohner zwar auch täglich mit lauten Beats bis spät in die Nacht, aber alles wirkt lockerer. Wir geniessen die Sonne am Pool oder in der Hängematte mit Ausblick aufs Meer und der besten Pasta, die ich je gegessen habe. Die Fahrt hierhin war abenteuerlich. In Minca ging uns langsam das Geld aus, also geben wir unserem Fahrer den Auftrag in Santa Marta einen ATM zu suchen. Wir halten an geschlagenen 3 ATM’s bis endlich eine Karte von uns funktioniert. Während dem wir im Stau in der Stadt standen, zeigte uns Eric der Fahrer Youtubevideos und wollte uns so Salsa beibringen.

Tayrona National Park

Kolumbien ist voll mit Orten, die schon so lange auf meiner Bucketlist stehen. Einer davon ist der Tayrona National Park. Wir haben grosses Glück, denn der Park ist jedes Jahr im Februar für ein paar Woche wegen Wartungsarbeiten gesperrt. Im Hostel werden wir super beraten und fahren mit dem coolsten Taxi bis zum Eingang vom Nationalpark. Jairo, der Taxifahrer liebt sein Auto und hat ganz viel Arbeit in jedes kleine Detail gesteckt. Nebst farbigen Überzügen auf den Sitzen gibt es auch Boxen überall im Auto und einen Screen am Rückspiegel und in den Kopfteilen der Vordersitze. Das Highlight – nebst den Rennhandschuhen vom Fahrer – ist das Funkgerät, welches mit einem Megafon auf dem Autodach verbunden ist. So kann er jeweils langsame Autofahrer, blinde Fussgänger und ignorante Fahrradfahrer zurechtweisen. Wir entscheiden uns für die Oneway-Wanderung, rund 6km zum Cabo San Juan. Der Weg ist gut gekennzeichnet und führt vom Dschungel immer wieder an wunderschöne Strände. Immer mal wieder begegnen uns Totenkopfäffchen, die Touristen mit Kokosnüssen bewerfen (und sie offenbar am liebsten tot sehen). Fair ich möchte ja auch keine Fremden Fötzel in meinem schönen Dschungel haben. Auch indigene Völker sehen wir dann und wann. Es ist einfach paradiesisch schön. Bis auf den Rückweg. Wir nehmen das Boot zurück nach Taganga, wie die Hostelbesitzerin uns empfohlen hat. Das Boot gleicht eher einem Flüchtlingsboot und ist bis auf den letzten Platz vollgepackt mit Menschen. Die Wellen sind schon in der Bucht eher hoch und draussen im offenen Meer schwappt gleich mal eine 3 Meter hohe Welle ins Boot und alle schreien. Ich bin im Klinsch zwischen Kotzen und Sterben. Ich schaue die goldenen Gipfel der bewaldeten Hügel am Land an und während wir immer weiter in den Sonnenuntergang schwimmen, summe ich leise „Dr Sunnä entgägä“ von Peter Reber vor mich hin. Wie lange wir unterwegs sind kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen aber es war sicher mindestens eine Stunde.

Cartagena

Die Rückreise von Taganga beginnt sehr lustig. Die Hostelbesitzerin hat uns ein Taxi bestellt – wir befürchten aber, dass es Jairo vom Vortag ist mit seinem kleinen Fiat mit 4 Sitzplätzen ohne Kofferraum. Wir sind drei Frauen mit Rucksack, wie gross die sind kann sich der Leser selber vorstellen. Allein ein Rucksack hätte sein Auto überladen und der Rest hätte auf dem Dach mitfahren müssen. So stehen wir also an der Strasse und warten gespannt auf den Taxifahrer, bis ein Töfffahrer vorbeidüst und uns „Taxi?“ zuschreit. Wir nicken und er sagt wir sollen warten. Keine zwei Minuten später kommt ein grosses Taxi angefahren. Es bringt uns zum Busterminal und wir warten dort ewig auf unseren Bus zurück nach Cartagena. Die Fahrt dauert ähnlich lange wie die Hinfahrt. In zwei Tagen fliegen wir heim, darum haben wir uns nochmal ein geiles Hotel gegönnt. Direkt am Strand mit einem Pool im 10. Stock. Wir lassen die Seele baumeln, holen uns die letzten Sonnenbrände und schlendern durch die Altstadt von Cartagena. Medellin war schön aber Cartagena gefällt mir noch fast besser. Hier gibt es das Meer und die schönsten Sonnenuntergänge. Gracias por todos y hasta luego!

Fazit

Die letzten 6 Wochen Ecuador und Kolumbien sind wie im Flug vergangen. Erst gerade habe ich zu Hause auf mein negatives Testergebnis gewartet und jetzt sitze ich schon wieder zu Hause. Ich hatte wunderschöne Begegnungen mit interessanten und inspirierenden Menschen, eine super Reisepartnerin und einfach eine geniale Zeit. Die letzten 6 Wochen habe ich mehr gelebt und erlebt als die letzten 1.5 Jahre. Ich habe gesehen und gelernt wie es anderen Menschen während der Pandemie ergangen ist und welche Regeln dort gelten. Einmal mehr fühle ich mich extrem privilegiert, in der Schweiz zu leben. Wie schön und einfach unser Leben hier doch ist und wie klein unsere Probleme scheinen im Bezug auf diese Welt. Die glücklichen Menschen und die farbigen Städte, die vielfältige Natur und das wilde Meer haben mir so viel Energie gegeben. Ich bin extrem froh im Vorfeld einige Spanisch Lektionen genommen zu haben. Ohne meine Sprachkenntnisse wären meine Begegnungen mit Einheimischen nicht so lehrreich und unvergesslich gewesen. Südamerika; ich komme wieder.

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