Indien

Ein Land voller Farben und Menschen. An jeder Ecke findet ein anderer Geruch den Weg in meine Nase. Mal ist es der Geschmack von frisch zubereiteten Samosa, mal der beissende Gestank von Urin. Ich beobachte Menschen, wie sie gemütlich beim Masala Tee trinken sind und gleich daneben erledigt jemand sein grosses Geschäft. Indien ist ein Land der Extreme und definitiv eine gute Portion Lebensschule.

Neu Delhi

Oder von einer Nebelsuppe in die nächste. Die Reise nach Indien war erstaunlich kurzweilig und ehe ich mich versah war ich schon mitten im Gewusel der Strassen Neu Delhis. Gesehen habe ich praktisch nichts, da die Luftqualität absolut schlecht und sogar so schädlich war, dass Schulen geschlossen wurden. Zum Glück habe ich zu Hause die Gesichtsmasken definitiv aus meinem Rucksack entsorgt. Der Smog hat seinen Weg in den Flughafen und natürlich auch in mein Hotelzimmer gefunden. Mit meinem nassen Bandana vor der Nase habe ich dann den ganzen Nachmittag hustend Netflix geschaut. Und ich habe übrigens nach 24h Dehli noch keine Kuh auf der Strasse gesehen.

Pushkar

Kleine Notiz am Rande, ich bin mit einer Reisegruppe unterwegs. Ich verlaufe mich ja sogar in der Stadt Bern, da hätte also ein Alleingang nach Indien ungefähr so geendet wie das Schicksal von Saroo in Mein langer Weg nach Hause. Aus kostengründen und auch ein bisschen für den Nervenkitzel habe ich die günstigste Variante gewählt. Mit lokalen Transportmitteln durch Rajastan furzen, das klingt doch nach einem netten Abenteuer. Genau das war es auch. Morgens um 5.00h haben wir (das ist unsere komplette Reisegruppe aus 11 tollen Menschen) unsere Backpacks in Taxis verladen und sind in einem Konvoi durch die indische Rushhour gegurkt. Ich glaube hier herrscht Linksverkehr. Aber grundsätzlich fährt jeder da wos gerade passt und hupt dazu mal länger und mal kürzer. Aus mir immer noch unerklärlichen Gründen sind wir in einer nicht vorwärtskommenden Blechlawine trotzdem alle am Bahnhof von Neu Delhi gelandet. Dort dann die nächste Challenge: halb Indien befindet sich am Bahnhof und wir müssen irgendwie durch die Sicherheitskontrolle und dann aufs Gleis 10. Jeder Quadratzentimeter des Bahnhofs ist voller Menschen. Ach ja und dabei ist es von Vorteil, dass wir unseren Guide nicht aus den Augen verlieren. Flott warten bis wir dran sind ist hier nichts. So ganz nach dem Motto: Ellbogen raus, Gring achä u drückä ;-). Irgendwie haben wir es vollzählig aufs richtige Gleis geschafft und dann sogar den richtigen Wagen gefunden. Im Gewusel der Meute haben wir uns dann zu unseren Sitzplätzen vorgekämpft. Und das alles vor 06:00 Uhr!! Der Zug war erstaunlich pünktlich, die Fahrt ruhig und die Sitze bequem. Es gab sogar ein nomnomnomn Frühstück. Nach 7 Stunden sind wir im ländlichen Pushkar angekommen. Wir schlendern gemütlich durch die Strassen, sehen Kamele und auch endlich Kühe die sich ab dem gehupe auf der Strasse nicht zu stören scheinen. Es fühlt sich ein bisschen wie Balsam für Lunge und Seele an.

Sonnenaufgang in Pushkar

Jaipur

Nach einem wunderschönen Sonnenaufgang auf dem Shree Savitri Mata Mandir geht die Reise mit einem Bummler weiter nach Jaipur. Das ganze Fiasko vom Vortag wiederholt sich hier in etwas kleinerer Manier. Dafür ist der Zug ein grosse Abenteuer. Im lokalen Bummler reist es sich nicht ganz so feudal. Offene Fenster und nicht funktionierende Ventilatoren ersetzen hier die Klimaanlage. Ich teile die Hälfte meines Sitzes mit einem korpulenten indischen Grosäti und wir schwitzen uns schön synchron an die Oberschenkel. Auch schlafen ist nichts. Im fünfminutentakt bahnen sich Snackverkäufer und Bettler ihren Weg durch die Bahnwagen. Vom Dal-, über den Nüssliverkäufer bis hin zu einem Priester, einem blinden und einem selbst noch halben Kind mit schlafendem Baby auf dem Arm sehe ich alles. In Jaipur angekommen bahnen wir unseren Weg durch den lauten stickigen Verkehr. Im Homestay bin ich emotional im Eimer. Doch es bleibt keine Zeit zum regenerieren. Zu Fuss geht es durch die pinkige Stadt voller Autos, Kühen und Menschen. Während ich versuche den Guide nicht aus den Augen zu verlieren und auch nirgendwo in ein Schlagloch zu fallen, über einen schlafenden Hund zu stoglen oder in einen Kuhplüter zu tschaupen, geniesse ich die Stadt und das Rege Treiben. Meine Sinne sind überfordert ab dem Lärm, den Farben und den vielen süssen und säuerlichen Gerüchen die aus jeder Ecke den Weg in mein zartes Näsli finden. Mein Highlight hier ist klar der Kochkurs bei einer lokalen Familie wo ich mich ins Foodkoma gefressen habe.

Hawa Mahal

Agra

Und täglich grüsst das Murmeltier. Nach einem Tag Reisepause in Jaipur geht es weiter nach Agra. Die Zugodysse wiederholt sich mal wieder doch langsam haben wir den Dreh raus. In Agra haben wir den Luxus eines Minivans der uns durch die riesige Stadt fährt. Wir geniessen den Baby Taj, den Taj Mahal und leckeres Essen auf einem Rooftop Resturant. Hier lasse ich mir auch mein Henna auf die Haut zaubern und zwar von ganz besonderen Frauen. Säureangriffe auf Frauen sind in Indien leider an der Tagesordnung. Das Sheroes Kaffee bietet den Opfern eine Zukunft und eine Perspektive. Einige der Schicksale sind dann auch niedergeschrieben und an den Wänden nachzulesen. Die Opfer wurden auf offener Strasse von einem fremden Mann mit Säure übergossen. Eine andere wurde von ihrem Mann mit Säure veräzt, weil sie nur Töchter statt Söhne geboren hat. Wieder eine andere von dem Mann, den sie nicht heiraten wollte. Für mich einfach nur unverständlich und es macht mich sprachlos wie ein Mensch so etwas tun kann. Ich lasse dann auch eine Spende da. Während ich am nächsten Morgen den majestätischen Taj Mahal im Sonnenaufgang bewundere bin ich einfach nur dankbar, zu den glücklichen 0.1% der Menschen zu gehören, die in der Schweiz geboren wurden.

Taj Mahal

Varanasi

Die Reise nach Varanasi war eine besondere. Zwölf Stunden im Nachtzug in der 3. Klasse. Die Challenge: so wenig wie möglich die müffelige Toilette benutzen. Erster Knackpunkt: wir sind auf ganze 4 Wagen verteilt. Zweiter Knackpunkt: die Betten sind nicht ganz der Reihenfolge nach nummeriert. Ich treffe es aber mit 4 anderen Mädels ins gleiche Abteil. Der indische Opa und seine Frau, sie sind gerade auf dem Heimweg einer Hochzeit, erklären uns dann wie das Abenteuer Schlafwagen in Indien funktioniert und kümmert sich rührend um uns. Zuerst hat er dafür gesorgt, dass wir Bettzeug vom Schaffner erhalten, dann hat er uns geholfen die Betten zu machen und um 22:00h hat er uns erklärt dass jetzt Nachtruhe ist und wir ja schlimmer schnädderen als seine drei Töchter. Ich habe dann erstaunlicherweise die ganze Nacht durchgeschlafen und musste nicht einmal auf das grüselige Zug WC. Auch hatte ich Kopfschmerzen weil ich völlig dehydriert war aber man kann im Leben eben nicht alles haben. Varanasi ist die spirituelle Hauptstadt Indiens. Hier pilgern viele Einheimische hin um die Asche ihrer verstorbenen Familienmitglieder in den heiligen Fluss Ganges zu streuen. Wer in Varanasi stirbt wird am Flussufer unter freiem Himmel kremiert. Es liegt also ein dunstiger Rauch über der Stadt und es riecht permanent nach Lagerfeuer. Menschenfleisch habe ich nicht rausgerochen. Aber vielleicht sind meine Geschmacksnerven nach dem vielen Smog und dem scharfen Essen auch einfach tod.

Ganges

Fazit

Ich habe Indien als konstante Reizüberflutung wahrgenommen und bin der Überzeugung, dass nach einem solchen Abenteuer mindestens eine Woche Regeneration eingeplant werden muss. Es fühlte sich an wie eine Reise in die ungefilterte Realität dieser Welt und eine gesunde Portion Lebensschule die so manch einem gut tun würde. Für eine kurze Zeit wurden die Probleme in der Schweiz ganz klein und unscheinbar. Trotzdem bleibt dies wohl mein einziger Besuch in diesem riesigen und überbevölkertem Land. Aber ich besitze ja jetzt ein kleines Kochbuch und Gewürze. Mal schauen ob ich die Pakoras und die Masals so hinbekomme wie die Einheimischen.

Klein Corina im Baby Taj.

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